Gestalten durch Begrenzung

Treppe einer ehem. Werkhalle

Perspektivewechsel 

Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren hatte ich dieses Thema schon ‘mal  aufgegriffen (siehe dazu meinen Blogbeitrag vom 27.06.2025 unter dem Titel “Bildbegrenzung als Gestaltungsmittel“ auf meiner Website www.darpana.art).
Bei dem hier vorliegenden Ausgangsfoto ist allerdings der Blickwinkel ein anderer: Ich stand mit halb geschlossenen Augen absichtslos mitten in der riesigen Werkhalle eines stillgelegten Stahlwerks, die das Sommerhalbjahr zur Präsentation zeitgenössischer Kunst genutzt wird. Den ganzen Tag über habe ich ungezählte Fotos gemacht, war von all den intensiven Eindrücken überwältigt und übersättigt. Meine Aufnahmefähig-keit war ziemlich erschöpft, meine Augen brauchten eine Pause.

Erfahrungsschatz als ’Pool‘, aus dem Intuition erwächst

Zu dem Phänomen der Intuition habe ich mich kürzlich schon einmal geäußert (siehe ’Darpanagram der Woche‘ vom 12.06.2026). Hier lege ich Euch ein praktisches Beispiel für meine ’Reflexthese‘ vor: Ohne bewusst ein Motiv zu suchen oder gar zu fixieren und ohne mich gezielt und orientiert auf einen zu fotografierenden Realitätsausschnitt zu konzentrieren ‘spürte‘ ich trotz meiner Müdigkeit eine Art ’Aufforderung‘ in mir, ein Foto zu machen: Zwischen gewiss mehr als hundert weiteren Besuchern und den mehreren Dutzend ausgestellter Kunstobjekte in der Halle ‘erspürte‘ ich diese streng formale Vorlage der vertikalen Stützpfeiler, der bilddiagonalen Treppe und der durch den momentanen Lichteinfall begünstigten Reduktion auf Rot- und Grauwerte im Bild. Alles, was ich bewusst tun musste war einen günstigen Augenblick abzuwarten, in dem kein einziger Besucher im Bildausschnitt der Vorlage war und über das Zoomobjektiv genau die Bildbegrenzung festzulegen, die alle die formale Ordnung störenden Elemente der Umgebung ’wegschneidet‘.

Gestalten durch Weglassen

Diese -hoffentlich- bewusste Entscheidung des Fotografen ist eines der wirkmächtigsten Werkzeuge in der Hand des Bildschaffenden um seine Geschichte genau so zu erzäh-len, wie er sie dem Betrachter erzählen will.
In der alltäglichen Praxis der meisten (Berufs)Fotografen liegt allerdings nach dieser die viel schwerer wiegende Entscheidung des Bildredakteurs der Agenturen oder Printme-dien, mit denen er als ’Lieferant‘ zusammenarbeitet.  Auf diese kann er so gut wie nie Einfluss nehmen.

Wie entscheidend diese, für den ’Endkonsumenten‘ publizierter Bildmedien fast immer unsichtbare und vor allem undurchschaubare, Produktionsstufe für die öffentliche Wirkung von Fotografie ist, kann man theoretisch bei Susan Sontag nachlesen. Praktisch und anschaulich ’hinter die Kulissen‘ blicken konnte ich dazu in einer sehr eindrucksvollen Ausstellung im ‘Foto Arsenal Wien‘, über die ich in meinem ’Report‘ damals (2025) berichtet habe.

Privileg des Künstlers

Als ’freier‘ Künstler genieße ich das Privileg, völlig autonom darüber entscheiden zu können, was ich in meiner Bilderzählung durch bewussten Beschnitt weglasse. Das enthebt mich aber nicht der immer wieder aktuell zu stellenden Gewissensfrage, wo die Konzentration aufs Wesentliche endet und die Manipulation des Betrachters durch Weglassen beginnt.


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