Raum oder Fläche?
Die Glasfassade eines Foyers in einem renovierten öffentlichen Gebäude lieferte mir mit ihren verschiedenfarbig getönten Gläsern eine Fotovorlage, die mich mit ihren subtilen Transparentzen und klaren grafischen Strukturen affektiv sehr angesprochen hat, als ich in dem Raum eine kurze Pause einlegte. Den Tag über war ich in mehreren Kunstausstellungen gewesen, die mir viele Anregungen zu grundlegenden Fragestellungen bezüglich Licht, Raum und Fläche und ihrer kompositorischen Anwendung in künstlerisch anspruchsvollen Fotografien geliefert hatten. Mit diesen Gedanken war ich noch beschäftigt, als mir das Strukturmuster der Glasfassade ins Blickfeld geriet.
OP-Art und Isometrie
Die strenge Isometrie ist ein synthetisches Projektionsverfahren, das sich von pragmatischen Projektionen der räumlichen Wirklichkeit in die Fläche, die normalerweise zwangsläufig mit Verzerrungen einhergehen, darin unterscheidet, dass Maße der selben Raumebene immer einheitlich maßstabsgetreu abgebildet werden. In technischen Zeichnungen wird diese Darstellungsweise gerne angewandt, da hieraus Maße ohne aufwendige Umrechnungsverfahren einfach und schnell übertragen werden können.
In der strengen Isometrie kann der Umriss eines Würfels als regelmäßiges Sechseck dargestellt werden, wenn der vorderste und der hinterste Punkt in der Projektion im Mittelpunkt des Sechsecks zusammenfallen.
Dieses einfache Phänomen haben sich Künstler (beispielsweise M.C. Escher, V. Vasarely u.v.m.a.) immer wieder zunutze gemacht, um auf die ‘Illusion‘ des zweidimensionalen Bildes hinzuweisen oder ’Verwirrung‘ zu stiften. Viele Überraschungsmomente in der OP-Art gehen auf dieses Phänomen zurück.
Stellt man so einen Würfel in seiner isometrischen Projektion halbtransparent dar, wird der Mittelpunkt des Sechsecks zweideutig und die mit ihm verbundenen Formen werden zu ‘Kippebenen‘. Je nach Präposition glaubt man den Würfel in Aufsicht oder in Untersicht zu betrachten. Das funktioniert natürlich unter bestimmten Voraussetzungen auch mit anderen Formen und Ebenen.
Kippebenen
In meinem Darpanagram konnte ich beide Effekte, durch gezieltes Abdunkeln und Aufhellen, kombinieren und so lässt sich mit ein wenig Augentraining willentlich zwischen verschiedenen Sichtweisen wechseln, wodurch eine dynamische Raumwahrnehmung suggeriert wird, die die Illusion der Perspektive in der Fläche bewusst machen kann.
In jedem regelmäßigen Sechseck sind sowohl sechs gleichseitige Dreiecke, als auch drei gleichseitige Parallelogramme (Rauten) verborgen. Darüber hinaus ist neben dem Quadrat das gleichseitige Sechseck diejenige Flächenform, die sich an allen Flächenkanten lückenlos zu einem ornamentalen Rapport aneinanderfügen lässt. Diese nicht allzu schwer zu gewinnende Erkenntnis ist für alle Kulturen, in denen Keramiken zu einem bedeutenden Kunsthandwerk entwickelt waren und sind von grundlegendem Wert.

Schreibe einen Kommentar