Rückzug und Wandel

Whiteout in Farbe

Die Situation

Seit Stunden, seit Tagen, seit Wochen war ich auf Rückzug. Vermutlich war ich für meine Familie schwer zu ertragen, obwohl ich mir wirklich Mühe gab, in meinem Arbeitsalltag zu ’funktionieren‘ und meine Aufgaben zu erfüllen. Alles war grau, alles war trüb, alles war kalt, alles war schwer, alles kostete mich Überwindung.
Mit weitgehend sinnentleerten Festtagen, die in ihrer Tradition ertrunken und erstarrt sind habe ich seit meiner Jugendzeit Schwierigkeiten. So waren auch die Weihnachtsfeiertage nicht dazu angetan, meine Stimmungslage grundlegend zu verändern. Die Sylvesterparty mit ihrem von mir als aufgesetzt empfundenen Optimis-mus hat ohne mich stattgefunden. Sogar meine Lust und Neugierde gute Musik zu hören konnte ich in diesen trostlosen Januartagen nicht wiederfinden. Die vielen schlaflosen Stunden durch viele zu lange unruhige Nächte brachten mir kaum Erholung und keine kreativen Ideen.

Der Umschwung …

Am Morgen des 20. Geburtstags meiner Tochter schob ich den Vorhang am Zimmerfenster zurück und blickte ungläubig in eine ‘Märchenwelt‘. Es war noch kaum dämmrig, der abnehmende aber noch ziemlich volle Mond schickte sein fahles, kaltes Licht schwach durch milchig-weißen Nebel. Während der Nacht war es unbemerkt bitterkalt geworden. Alles in der freien Natur war mit einem dichten Pelz aus feinen Eiskristallen überzogen.
Schlagartig war ich hell wach.
Kaum 40 Minuten später war ich schon mit meiner Fotoausrüstung im Rucksack warm eingepackt unterwegs zu mir vertrauten ‘Hotspots‘ in der Umgebung, die unter den gegebenen Verhältnissen interessante Fotomotive bieten würden. In der Zwischenzeit war das schwache Mondlicht einem diffusen Tageslicht gewichen. Gelegentlich zeichnete sich die Sonnenscheibe in der gleichmäßig hellgrauen Nebelglocke über mir als kaum merkliche Kontur ab. Perfekt!

Schwarz und Weiß als räumliche Erfahrung

Solche Lichtverhältnisse kannte ich von Winterwanderungen in den Alpen, wo ich mir der Gefahr, die davon ausgeht, ebenso bewusst wie davon fasziniert bin.
Undurchdringliches Schwarz nicht als ’Farbe‘, sondern als Raum ohne jegliches Restlicht kannte ich aus Höhlenbegehungen. Aus meiner Dunkelkammerarbeit als Fotograf war es mir ’vertraut‘ und ich denke an eine Ägyptenreise, auf der ich die einmalige Gelegenheit hatte, in einer absolut lichtlosen Grabkammer meditieren zu dürfen.
Fast undurchdringliches Weiß, genannt ‘White-Out‘, als räumliche Erfahrung ist ein Phänomen ganz anderer Qualität!  
Mit zahlreicher Beute kehrte ich wenige Stunden später an meinen Arbeitsplatz zurück und war voller Tatendrang. Wo war mein ’Winterblues‘ geblieben?

Übertreibung als Stilmittel

Was uns aus der Kunst der Karikatur geläufig ist, lässt sich auch in der konventionellen digitalen Fotografie anwenden. Erst durch die absichtsvolle Übersteuerung von Kontrast, Farbdynamik und Farbsättigung sowie deren Umkehrungen im Prozess vom RAW-Format zum druckbaren Bild werden ’verborgene‘ Qualitäten des Ausgangsmotivs sicht- und damit kreativ nutzbar.


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