Die Faszination des Goldes

Rhododendrenblüte

Gelb als Farbe

Gelb ist die hellste aller Farben in unserem sichtbaren Spektrum. Physiologisch ist Gelb  die Farbe, für die unser Auge am empfindlichsten ist. Kulturhistorisch trägt sie eine tiefe Ambivalenz in sich: Als Gold steht sie für Sonne, Reichtum, göttliches Licht und Erleuchtung – in nahezu jeder Kultur ein Symbol des Kostbaren, des Extravaganten und Köstlichen. Gleichzeitig haftet ihr, besonders in Europa, auch die Bedeutung von Warnung, Neid, Gier und Ausgrenzung an. Im Übergang zum grünlichen steht sie für Falschheit, Doppelzüngigkeit und Gift.

Blau als Gegenpol / Kontrapunkt

Im Zentrum dieses Darpanagrams leuchtet ein tiefes Blau – die Komplementärfarbe zu Gelb im klassischen Farbkreis. Wo Gelb nach außen strahlt, zieht Blau den Blick nach innen, in die Tiefe und Weite, zur Transzendenz. In der christlichen Ikonografie ist Blau die Farbe des Himmels und der Marienverehrung, in vielen Kulturen ist sie die Farbe des Geistigen, der Zukunft und der Perspektive. Die Spannung zwischen strahlendem Gold und tiefem Blau erzeugt genau jene meditative Sogwirkung, die das Bild zum Zentrum hin entfaltet.

Formensprache

Die kreisförmig-radiale Anordnung um ein zentrales blaues Rautenmotiv ist eine unmittelbare Anspielung auf die Mandala-Tradition – ein Bildschema, das in nahezu allen Kulturen als Symbol kosmischer Ordnung und innerer Sammlung oder als ’Heldengeschichte‘ wiederkehrt. Beispielsweise folgen auch die gotischen Rosettenfenster christlicher Kathedralen diesem Prinzip: vielfältige Einzelformen, die in einer weitgehend analphabeten Gesellschaft die Geschichte erzählen, fügen sich zu einer höheren Einheit und lenken den Blick auf ein strahlendes Zentrum als göttliche Verheißung.

Kunsthistorischer Bezug

Dieser Bildaufbau – Vielfalt, die sich zur Einheit ordnet – findet sich in der islamischen Ornamentik über buddhistische Mandalakunst bis zur europäischen Sakralarchitektur. Die Kaleidoskop-Struktur von Madhukar P. Artners Darpanagrammen steht damit in ei-ner sehr langen Traditionslinie: Kunst als Werkzeug, das Auge – und darüber den Geist – zur Ruhe und zur Meditation zu führen. Gleichzeitig baut er mit dem Wandlungsprozess vom Ausgangsbild zum Darpanagram eine Brücke von der gegenständlichen, projektiven Abbildung zur ‘Konkreten Kunst‘. Diese gibt zwar vor, sich selbst zu genügen, stellt dabei aber die Frage nach dem, was wir als ’Ästhetik‘ bezeichnen, immer wieder neu.

Gesellschaftlicher Resonanzraum

In unserer Zeit der – nicht nur visuellen – Reizüberflutung wirkt ein Bild, das zur Sammlung statt zum schnellen Konsumieren einlädt, als stiller Gegenentwurf. Die Blüte, die diesem Werk zugrunde liegt, verschwindet im Prozess der Wandlung – und wird zu etwas, das über sich selbst hinauswächst.


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